Der Housing-First Ansatz

Das Housing-First Konzept beendet Wohnungslosigkeit unmittelbar und bietet flexible wohnbegleitende Hilfen zum dauerhaften Wohnungserhalt an. Regulärer Wohnraum wird an erste Stelle gerückt – ein entscheidender Unterschied zum derzeit meist praktizierten Sys­tem. Darin müssen Betroffene oft ihre „Wohnfähigkeit“ zunächst unter Beweis stellen: Unterkünfte und Trainingswohnungen müssen durchlaufen werden. Oftmals ist die Zurverfügungstellung von Wohnraum an die Erfüllung von Auflagen und Wohlverhalten gekoppelt. Der Aufstieg in ein normales Mietverhältnis scheitert häufig an nicht vorhandener Wohnungen auf dem Markt und so droht die erneute Wohnungslosigkeit: Ein „Drehtür-Effekt“ stellt sich ein. Auch sind solche Wohnraumformen häufig zeitlich befristet. Housing First hingegen bedeutet: Es besteht von Anfang an ein normales, unbefristetes Mietverhältnis mit allen Rechten und Pflichten. Wohnbegleitende Hilfen werden aktiv angeboten: Betroffene werden dazu ermutigt Probleme mit Unterstützung anzugehen, aber nicht dazu verpflichtet. Dort wo Housing-First bereits praktiziert wird, sind die Ergebnisse überzeugend.
Housing-First wurde Anfang der 90er Jahre in den USA unter der Leitung von Dr. Sam Tsemberis entwickelt. In den USA wird es seither in einigen Städten erfolgreich praktiziert. In Deutschland ist der Ansatz noch nicht weit verbreitet. Tsemberis stellte acht Grundprinzipen auf, die den Housing-First Ansatz ausmachen. Ausführlich nachzulesen im "Housing-First Guide" von Dr. Nicholas Pleace, herausgegeben vom europäischen Dachverband der Wohnungslosenhilfe FEANTSA und ins deutsche übersetzt durch das Wiener Projekt "neunerhaus".

1. Wohnen als Menschenrecht
Housing First betont das Recht von wohnungslosen Menschen auf Wohnen. Wohnraum wird zuerst und nicht zuletzt angeboten. Wohnraum wird ohne jegliche Erwartung, dass sich eine wohnungslose Person in einer bestimmten Art und Weise zu entwickeln hat zur Verfügung gestellt. Zustimmung zu einer Behandlung oder zu Abstinenz von Drogen oder Alkohol sind nicht erforderlich, bevor ein Wohnraum angeboten wird. Housing First verlangt nicht, dass sich wohnungslose Menschen das Recht auf Wohnen oder das Recht in einer Wohnung bleiben zu können, verdienen müssen.

2. Wahlfreiheit und Entscheidungsmöglichkeit für Betroffene
Ein zentraler Grundsatz von Housing First ist, dass den Personen, welche das Angebot nutzen, zugehört und deren Meinung respektiert wird. Housing First NutzerInnen sind in der Lage gültige Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie leben wollen und welche Art von Unterstützung sie erhalten möchten.

3. Trennung von Wohnen und Betreuung
Housing First bietet Unterstützung so lange wie nötig an. Wird das Betreuungsangebot nicht mehr in Anspruch genommen, können Betroffene in der bestehenden Wohnung verbleiben. Wenn jemand die Betreuung nicht mehr benötigt, muss er/sie nicht umziehen. Eine räumliche und personelle Trennung von Vermietung und Sozialberatung sollte gegeben sein.

4. Recovery-Orientierung
Ein Angebot mit Recovery-Orientierung richtet das Augenmerk ganzheitlich auf das Wohlbefinden der/des Einzelnen. Besonders im Blickpunkt stehen dabei die physische und psychische Gesundheit eines Individuums, das soziale Umfeld  und der Grad an sozialer Inklusion.

5. Harm-Reduction
Harm-Reduction stellt Betreuung und Behandlung zur Verfügung, verlangt aber nicht die Abstinenz von Drogen und Alkohol.

6. Aktive Beteiligung ohne Druck und Zwang
"active engagement without coercion" ist eine amerikanische Terminologie und kann als eine auffordernde, jedoch nicht aggressiv bedrängende Art beschrieben werden, mit Housing First Nutzer*innen zu arbeiten.

7. Personenzentrierte Hilfeplanung
Housing First Angebote arbeiten mit personenzentrierter Hilfeplanung. Das bedeutet im Wesentlichen die Organisation von Betreuung und Behandlung rund um die Bedürfnisse des/der individuellen Nutzer*in. Dieser Fokus spiegelt die Bedeutung von Wahlfreiheit und Entscheidungsmöglichkeit wieder.
 

8. Flexible Unterstützung für so lange wie nötig
Die Bereitstellung von Hilfen ist nicht an die Wohnung gebunden: Zieht ein Mieter aus und benötigt weiter Hilfe bekommt er sie. Benötigt er keine Hilfe, kann er trotzdem in der Wohnung bleiben.

 

(Pleace, Nicholas: Housing First Guide Europe, S.28-42)
 

Forschung in den USA, Kanada und Europa zeigt, dass Housing First im Allgemeinen die Wohnungslosigkeit bei mindestens acht von zehn Personen beendet.

Zahlen und Informationen sind ein Ausschnitt aus dem Housing-First-Guide, S.23-24. Die Zahlen beziehen sich auf den Wohnungserhalt der Betroffenen – nur eine Dimension in der der Erfolg des Housing-First Ansatzes gemessen werden kann. Ebenso ließ sich nachweisen, dass sich die Betroffenen stabilisierten und sich das Wohlbefinden deutlich steigerte.

2013 berichtete das Housing First Europe Projekt, dass sich 97 % der wohnungslosen Menschen mit hohen Bedarfslagen, die das Discus Housing First Angebot in Amsterdam nutzten, nach 12 Monaten in Betreuung immer noch in ihrer Wohnung befanden. In Kopenhagen lag der totale Anteil bei 94 %. Von einem ähnlich beeindruckenden Level (92 %) berichtet das Turning Point Housing First Angebot in Glasgow. Das Casas Primeiro Housing First Angebot in Lissabon meldete einen Anteil von 79 %.
(Busch-Geertsema, V. (2013) Housing First Europe: Final Report http://housingfirstguide.eu/website/wpcontent/uploads/2016/03/FinalReportHousingFirstEurope.pdf in Pleace, Nicholas: Housing-First-Guide, S.23-24 )

Das französische Un Chez-Soi d’abord Housing First Programm legte 2013 vorläufige Ergebnisse vor, die zeigten, dass
80 % der 172 obdachlosen Menschen, die durch Housing First in einem der vier Pilotprojekten betreut werden, ihre Wohnung seit 13 Monaten aufrechterhielten.
(http://hf.aeips.pt/wp-content/uploads/2013/10/Pascale.pdf in Pleace, Nicholas: Housing-First-Guide, S.23-24)

Auch die ersten Ergebnisse des spanischen HABITAT Housing First Programms wiesen Ende 2015 auf den extrem hohen Level der Wohnstabilität hin.
(https://www.raisfundacion.org/sites/default/files/rais/noticias/infografia_habitat_DEF_A3.pdf in Pleace, Nicholas: Housing-First-Guide, S.23-24)

Finnland berichtet einen Rückgang der absoluten Anzahl langzeit-wohnungsloser Menschen seit dem Beschluss Housing First Angebote als zentralen Punkt der nationalen Strategie zur Beendigung von Wohnungslosigkeit zu implementieren. Im Jahr 2008 waren 2.931 Menschen in den zehn größten Städten langzeit-wohnungslos. Die Anzahl fiel Ende 2013 auf 2.192, was einer Reduktion von 25 % entspricht. Der Anteil langzeit-wohnungsloser Menschen an der Gesamtzahl aller Wohnungslosen fiel in demselben Zeitraum von 45 % auf 36 %.
(Pleace, N., Culhane, D.P., Granfelt, R. and Knutagård, M. (2015) The Finnish Homelessness Strategy: An International Review Helsinki: Ministry of the Environment. - https://helda.helsinki.fi/handle/10138/153258 in Pleace, Nicholas: Housing-First-Guide, S.23-24)

Im Jahr 2015 konnte eine beobachtende Evaluierung von Housing First in England nachweisen, dass in fünf Housing First Angeboten 74 % der NutzerInnen ihre Wohnung für mindestens 12 Monate behalten hatten. (Bretherton, J. and Pleace, N; (2015) Housing First in England: An Evaluation of Nine Services -https://www.york.ac.uk/media/chp/documents/2015/Housing%20First%20England%20Report%20February%202015.pdf in Pleace, Nicholas: Housing-First-Guide, S.23-24)

2015 berichtete das Housing First Angebot in Wien, dass 98 % der NutzerInnen, mit denen man über einen Zeitraum von zwei Jahren gearbeitet hatte, ihre Wohnung aufrechterhalten hatten. (Neunerhaus Housing First Pilot Project Report http://www.neunerhaus.at/fileadmin/Bibliothek/Neue_Website/Neunerhaueser/Housing_First/20150925_HousingFirst_Report_english.pdf  in Pleace, Nicholas: Housing-First-Guide, S.23-24)